Plattboden als Speedboot
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Der "Retter" kommt längsseits – die Kinder auf der Lemsteraak staunen. (Foto © sz/ seglermagazin.de) |
Und sein Einsatz ist eine schwarze Lemsteraak, Plattbodenschiff mit Motorschaden mitten auf dem Ijsselmeer – das sind wir.
Nicht wirklich ein Speedboot. Das Wasser ist spiegelglatt. Obwohl der Wetterbericht beharrlich zwei bis vier Windstärken ankündigt. Außerdem besteht die Stimme aus dem UKW-Empfänger stündlich auf den Zusatz „in Gewitterböen bis acht“. Kein Spass auf dem Ijsselmeer – und das ohne Motor.
Speedboot mit Seitenschwert – zur Freude der Möven ... (Foto © sz/ seglermagazin.de)
Ob die Seenotretter deshalb so schnell auf dem Plan erscheinen oder ob sie sowieso nicht nur cool sondern fix sind: Zehn Meilen vor Enkhuizen war uns ein Ölschlauch geplatzt –und prompt sind sie da. Zur großen Überraschung der Crew. Die hat einen zivilen Schlepper erwartet, nachdem sie beim Vercharterer Alarm geschlagen hatte. Der Grund ist ganz profan: Seenotretter sind billiger. Sie nehmen nur Spenden. Und ja, der Mann versteht sehr gut, dass wir bei absoluter Flaute keine Idee haben, wie wir ohne Motor den Hafen erreichen sollen.
Er hält Wort: 900 Pferdestärken schleppen die „Trochsetter“ mit 7,5 Knoten „Schpiied“ nach Enkhuizen. Plattbodenschiff mit Bugwelle – das wollen alle sehen. An diesem heißen Tag sind wir im Hafen Ereignis des Tages. Diverse Schaulustige stehen im Schatten und feixen. Kommentieren, wie das KNRM-Team uns sehr routiniert und gaaanz behutsam längsseits an die „Insulinde“ bugsiert. Das historische Rettungsschiff aus den 20-er Jahren. scheint irgendwie an diesem Tag der angemessene Anlegeplatz. Aufregender Höhe- oder auch Tiefpunkt eines zweiwöchigen Törns auf Ijsselmeer und den umliegenden Binnengewässern.
12 Meter und 16 Tonnen
Gemütliche Rundungen gehören dazu. Seit Jahrhunderten werden Plattbodenschiffe in den Niederlanden auf die gleiche Weise gebaut: lebens- und liebenswert, aber auch leistungsstark. Segeln und Wohnen an Bord sind mit herkömmlichen Yachten nicht zu vergleichen. Eine bereits Gaffelsegler- erprobte Crew hat den Versuch gestartet: Zwei Wochen auf der „Trochsetter“, Lemsteraak mit einschüchternden Ausmaßen: 12 Meter lang, 4,30 Meter breit, 16 Tonnen Stahl. Sie sei „ein wenig übertakelt“, merkt der Vercharterer an. Heißt: 18,45 Meter Mast – das gibt eine beeindruckende Segelfläche. Mag lachen, wer will: Wir reffen, nur kein Risiko. Obwohl – das Ijsselmeer ist im Schnitt kaum tiefer als vier Meter – wir finden also in jedem Fall ein trockenes Plätzchen, sollte sie kentern, rechnen wir uns spaßeshalber aus.
Gaffelsegeln mit Kindern und Muskelkater
Die Crew: Christoph (43), Claudia (38), ihr Nachwuchs Maximilian „Maxi“ (11), Kristina „Tine“ (9), Cornelius (drei Monate), außerdem Susanne (36), Freundin der Familie. Drei Erwachsene müssen sein, sonst rührt sich die Trochsetter nicht vom Fleck, die respektlos in „Tauchsieder“ umgetauft wird: Das Gaffelrigg erfordert Muskelkraft - und Umdenken. Einiges läuft hier anders. Nach der Wende, beispielsweise, will jeweils das Backstag an der Luvseite durchgesetzt und an der Leeseite gefiert sein. Nur so hat die Gaffel an der Leeseite Platz. Ein Umstand, den auch die Achterstag Gewohnten schnell lernen. Segel setzen geht nur im Team: Klau- und Piekfall wollen gleichmäßig bedient werden. Ergebnis: lange Arme und Muskelkater.
Schon der 1. Tag ist turbulent
Gleich am ersten Tag geht’s turbulent los: Das Schiff ist unvertraut, die Wetterfrösche prophezeien fünf bis sechs Beaufort auf dem Ijsselmeer. Zum Glück bietet Holland Gelegenheit, sich zu verdrücken. Wir wählen von Stavoren aus den Binnenweg nach Heeg. Leider kommen Hunderte an diesem Wochenende auf die gleiche Idee.
Heeg zeigt auch Nachteile der Geräumigkeit: Liegeplätze gibt es hier und anderswo nur im Außenbereich – der Gang zu Duschen und Toiletten bringt Blasen in die Badeschlappen. Plattbodenfreunde entschädigt der Verkaufshafen: Nahezu jede Größe und Ausstattung ist hier zu haben – bloß das Kleingeld muss stimmen. Hier dümpeln Schiffe im Wert von Einfamilienhäusern. Die Firma Heech by de Mar dominiert das Angebot. Und sie hat ein Herz für Kunden aus dem Nachbarland: Das ursprünglich nur in niederländischer Sprache zu habende Buch „Fahren mit Plattbodenschiffen“ von Jan Kooijman hat sie übersetzt und verkauft es für 17 Euro. Eine hilfreiche Lektüre, die manches Rätsel löst – selbst das Mysterium der Seitenschwerter. Sie ist auch bei der Firma „Toplicht“ in Hamburg erhältlich, deusche Fachadresse für diese Traditionsschiffe. Dort ist das Buch allerdings teurer.
16 Tonnen stoppen nicht sofort
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Lemsteraak Schleuse |
Mit der Lemstseraak in der Schleuse (Foto © sz/ seglermagazin.de)
Heeg und der aufgefrischte Wind bringen Probleme: Anlegen an der Tankstelle funktioniert. Ablegen nicht. Der Wind drängelt uns an den Steg. Wie reagiert das Schiff mit linksdrehender Schraube? Der Spielraum ist klein. Vorn und hinten liegen andere Schiffe. Per Handy um Hilfe gebeten, zeigt sich ein Fachmann nicht kleinlich: Sein Tipp befreit aus der Sackgasse. Die Vorspring muss es sein. Und sie muss sehr viel länger gehalten werden, dann klappt es auch mit dem Ablegen. Beim Wenden rempelt die Trochsetter mit ihrem breiten Hinterteil einen Steg, ein Fender platzt. Zwar bleibt außer einem geprellten Daumen sonst alles heil, dennoch schleichen wir uns leicht verschämt aus dem Hafen. Übers Heegermeer geht es weiter zu den Kanälen. In der Kanal-Mündung wird es eng: Direkt vor der Schnauze zeigt uns eine Jolle das Schwert. Einmal in Fahrt, sind 16 Tonnen schwer zu stoppen. Der Jollensegler glaubt’s offenbar nicht. Statt in Sicherheit zu paddeln, bewacht er sein Gefährt. Wir kehren unter lautem Röhren der Maschine um, Jolle und Schwimmer bleiben an einem Stück, wenn auch die Panik letzterem aus den Augen springt. Wenige Minuten später wirft er sich vor das nächste Schiff.
Quer durch Klappbrücken ?
Bei Woudsend stellt die Trochsetter sich stur: Andrang vor der Klappbrücke, warten. Das schwere Schiff reagiert eigenwillig. Auch ohne Segel bietet es dem Wind jede Menge Angriffsfläche. Ein Steuerfehler – da haben wir den Beweis: Klappbrücken lassen sich nicht quer durchfahren. Es kracht vernehmlich, passiert ist zum Glück nichts. Der Brückenwärter, wohl dankbar für die Abwechslung, feixt: „Erst mal Fahren lernen!!“ „Machen wir gerade!!“
Der Binnenhafen in Lemmer ist wegen Überfüllung geschlossen – also weichen wir übers Ijsselmeer in den dortigen Hafen der Stadt aus. Eine eindrucksvolle Ansammlung von Großseglern liegt hier in trauter Gemeinschaft vor der Schleuse, meist im Päckchen denn Platz ist rar. Es folgen Stationen wie Urk . Ein schönes Dorf mit schön lautem Hafen. „Broomfietsen“ sind hier Volkshobby. Mofas und Motorräder düsen die halbe Nacht am Kai entlang. Im Kampener Buitenhaven schichtet die patente Hafenmeisterin im Handumdrehen verschiedene Yachten zu Päckchen um, um uns ein Plätzchen frei zu machen. Solange sie eine Chance sieht, weist diese Frau niemanden ab. Sie ist es auch, die uns den Schiffsnamen erklärt: „Trochsetter“ heißt soviel wie „Trocken-Lieger“ – bei Ebbe setzt sie sich in den Schlamm und wartet auf nassere Zeiten. Ihr Vater, so die Hafenmeisterin, sei beinahe auf einem solchen Schiff geboren worden.
In Meppel, einer bezaubernden, an Kanäle angeschlossenen Stadt, weist uns der freundliche Hafenmeister ein Plätzchen zu. Die winzige Schleuse hinter uns gelassen, liegen wir im Schatten einer großen Windmühle – so gehört sich das in den Niederlanden. Da nimmt man in Kauf, dass die sanitären Anlagen weiter denn je entfernt sind.
"Wir werden es wieder tun"
Nach und nach wird es ein wunderschöner Törn, der widerborstige Kahn zum eleganten Traditionssegler. Handgriffe sitzen, Wendemanöver ebenfalls – keine peinlichen Auftritte mehr. Unter anderem deshalb, weil der Wind deutlich nachlässt. Unter vollem Segel – wir haben uns vom Reff getrennt – macht das Schiff Fahrt, ein Genuss. Und belegt, warum immer mehr Wassersportler diese Schiffe den schnittigen Yachten vorziehen. Zum Abschied, in Hindeloopen, wiederholt sich die Geschichte dann doch: Fünf Windstärken pappen die Trochsetter an die Kaimauer, keine Chance abzulegen. Wir sitzen es aus. Am nächsten Morgen, hat uns wieder jemand einen Tipp verraten. Trickig dampfen wir in den drei Poller entfernt angebrachten Festmacher, kommen frei und machen uns Richtung Stavoren davon. Eine gelungene Notbremsung per Achterleine in der Schleuse später, schon ist das Abenteuer gut ausgegangen. Inzwischen sind alle an Bord überzeugte Plattbodensegler. Wir werden es wieder tun.
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Lesen Sie dazu auch:
Ijsselmeer – auch für Einsteiger
sowie eine niederländische website über die Häfen und Wassersportreviere in den Niederlanden, in der mehr als 200 Häfen rund ums Ijsselmeer, in Nordholland, Friesland aufgeführt sind:



